Gewidmet Philip Banyer, mit Dank für die wie immer geniale und inspirierende Sunday Practice im Turnier-Tanzsportklub Zürich vom 30.08.2026.
Es gibt Momente im Tanztraining, die einen unerwartet an den Berufsalltag erinnern. Heute war ein solcher Moment. In der Sunday Practice sprach Philip Banyer mit meiner Tanzpartnerin und mir über ein Phänomen, das er „Overleading“ nennt – eine Art Übersteuerung der Führung, die entsteht, wenn die oder der Führende in bestem Wissen und Gewissen zu viel, zu stark, zu früh oder zu deutlich führt. Ein Begriff aus der Tanzpädagogik, der erstaunlich gut beschreibt, was auch zwischen Anwalt und Mandant geschehen kann, wenn die Balance zwischen Orientierung und Freiheit nicht stimmt.
Wenn der Führende zu viel zu wissen meint
Im Tanz beginnt Overleading oft damit, dass der Führende die Figur, die Richtung und die Musik bereits klar zu erkennen meint. Er ist überzeugt, dass gleich eine offene Rechtsdrehung kommen muss statt der halben Rechtsdrehung mit Kreiselschritt. Denn die Musik würde den dazu passenden Schwung geradezu tragen. Die Folgende hingegen erkennt oder erwartet etwas anderes, entscheidet intuitiv oder hat schlicht noch nicht verinnerlicht, ob sie innenseitig oder außenseitig vorbeigehen muss an der Stelle. Der Führende möchte helfen, korrigieren, stabilisieren – und führt dadurch zu stark. Die Arme werden fester, die Haltung entschlossener, das Shape (die Kombination aus Rotation und Neigung) überdeutlich, der Griff in der Hand zu stark. Die Absicht ist gut, das Ergebnis eher nicht.
Der stille Rollenwechsel in jeder Figur
In jeder Figur wechseln die Rollen ständig. Führen und Folgen sind keine starren Zustände, sondern ein fortlaufender Dialog. Wer rückwärts oder nach links geht, führt. Wer nach links geht, führt. Wer die bessere Sicht auf die Linie hat oder ein im Wege stehendes Paar auf dem Parkett und damit die Notwendigkeit einer Ausweichfigur erkennt, führt. Und wer gerade die stabilere Achse besitzt, führt ebenfalls. Dieser Wechsel geschieht ununterbrochen, manchmal innerhalb eines einzigen Taktes, manchmal innerhalb eines einzigen Schrittes. Die Folgende führt, wenn sie dem Folgenden zeigt, wie viel Raum sie braucht, wie viel Zeit sie nimmt, wie viel Schwung sie zulässt. Wenn dieser kontinuierliche Wechsel funktioniert, entsteht ein Tanz, der nicht aus einer starken und einer schwachen Rolle besteht, sondern aus zwei Menschen, die einander lesen.
Das Missverständnis der Überdeutlichkeit
Je deutlicher die Führungssignale werden, desto mehr Widerstand erzeugen sie. Der Körper der Folgenden reagiert reflexhaft: Druck führt zu Gegendruck, Zug zu Gegenzug, und eine überdeutliche Führung wirkt wie eine Aufforderung, dagegenzuhalten. Das Gespräch zwischen den Körpern wird zu einer Art Verhandlung, manchmal sogar zu einem kleinen Kampf. Besonders heikel wird es bei Figuren, die eine klare Bahn verlangen, etwa der offenen Rechtsdrehung mit Endlauf. Wenn die Führung nicht klar, sondern kräftig ist, entsteht eine Art Stolperfalle: Beide wollen tanzen, aber nicht unbedingt in dieselbe Richtung.
Die Überkorrektur als Falle
Der Führende versucht dann oft, die Situation zu retten, indem er noch genauer, noch fester, noch eindeutiger führt. Er macht das Shape so präzise, dass die Folgende gar nicht anders kann, als hineingezogen zu werden. Doch je größer die Signale werden, desto stärker wird der Widerstand. Die Folgende kämpft gegen die Führung, statt ihr zu folgen. Die Figur verliert ihre Leichtigkeit, und die Partnerschaft verliert ihre Balance. Das ist der Kern des Overleading: eine gut gemeinte Überkorrektur, die das Problem verstärkt, statt es zu lösen.
Ein Blick in die Kanzlei
Wer täglich Mandanten begleitet, kennt dieses Muster. Auch dort sieht der Führende – also der Anwalt – die Struktur oft schon weit voraus. Er erkennt die Rechtslage, die Risiken, die nächsten Schritte, die strategische Richtung. Der Mandant hingegen erkennt etwas anderes: seine Sorgen, seine Erwartungen, seine eigene Sicht auf die Dinge. Wenn der Anwalt nun zu stark führt, zu viel erklärt, zu sehr drängt, entsteht dasselbe Missverständnis wie auf dem Parkett. Der Mandant fühlt sich überfahren, hält dagegen, zweifelt, zögert oder geht intuitiv einen anderen Weg.
Auch hier gilt aber auch der ständige Rollenwechsel: Der Mandant führt den Anwalt ebenso, wie der Anwalt den Mandanten führt. Der Mandant zeigt, welche Informationen er braucht, welche Sorgen er hat, welche Prioritäten für ihn gelten. Der Anwalt zeigt die rechtliche Linie, der Mandant zeigt die sachliche und persönliche. Wenn beide diese Wechsel zulassen, entsteht eine Beratung, die nicht aus Druck, sondern aus Vertrauen besteht.
Ein gemeinsamer Weg
Am Ende ist Overleading ein Missverständnis zwischen guter Absicht und guter Wahrnehmung. Die Lösung liegt nicht in Kraft, sondern in Klarheit; nicht in Festigkeit, sondern in Timing; nicht in Überdeutlichkeit, sondern in Vertrauen. Die Folgende erkennt die Figur oft schneller, als der Führende denkt. Der Mandant versteht die Lage oft besser, als der Anwalt befürchtet. Und wenn beide einander Raum lassen, entsteht das, was sowohl im Tanz als auch im Recht die höchste Qualität ausmacht: ein gemeinsamer Weg, der trägt.
